„Schwänzen“ passt nicht mehr in die Zeit!

300.000 Menschen, unter Ihnen in der Mehrzahl Schülerinnen und Schüler streikten am vergangenen Freitag unter der Motto #fridaysforfuture allein in Deutschland für mehr Klimaschutz und gegen die Untätigkeit der heutigen Verantwortlichen, sich dem Problem des Klimawandels angemessen zu stellen.

Dass diese Kritik berechtigt ist, wird schnell deutlich: Denn statt auf die Ängste der Schülerinnen und Schüler einzugehen und endlich (!) schnell und effektiv Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, entziehen sich gerade konservative Politiker und Verantwortliche dieser Diskussion, und beschweren sich darüber, dass Schülerinnen und Schüler für Ihren Streik die Schule schwänzen.

Diese armselige Argumentation zeigt folgendes auf: Die Verantwortlichen finden keine Argumentation für ihre Untätigkeit in Fragen des Klimaschutzes. Sie legen den Schwerpunkt auf das „Schwänzen“, wohl wissend, dass diese Bewegung nicht so nachhaltig erfolgreich wäre, würden diese Streiks außerhalb der Schulzeit stattfinden.

Es offenbart aber auch, dass die Verantwortlichen diese jungen Menschen gar nicht mehr verstehen und sie sich nicht mal die Mühe macht sie zu verstehen. Diese jungen Menschen, für die digitale Methoden und globale Vernetzung mit Hilfe diverser Social-Media-Tools selbstverständlich ist, denken anders, handeln anders, sind politisch interessiert und wollen mit ihrem Anliegen nicht nur ernst genommen werden, sondern auch Druck erzeugen. Druck, der dringend notwendig ist.

Dazwischen wirkt das Wort „schwänzen“ wie aus der Zeit gefallen. Der Duden beschreibt die Herkunft des Wortes „schwänzen“ wie folgt:

im 18. Jahrhundert in die Studentensprache übernommen (im Sinne von „bummeln, eine Vorlesung versäumen“) = aus gaunersprachlich schwentzen = herumschlendern; zieren < mittelhochdeutsch swenzen = (hin und her) schwenken, Intensivbildung zu: swenken, schwenken

https://www.duden.de/rechtschreibung/schwaenzen

Die negativen Assoziationen, die mit dem Wort mitschwingen, werden klar benannt „gaunersprachlich: herumschlendern“. Dieses Wort passt nicht zum Aktionismus der jungen Generation. Dieses Wort offenbart ein Verständnis von Schule, wie es sie die letzten 200 Jahre gegeben hat. Aber diese Form von Schule ist nicht zukunftsorientiert. Kinder von 8:00 bis 14:00 Uhr in Sitzreihen zu zwängen und Wissensstoff mit antiquierten Methoden zu vermitteln, so dass dieser seine Halbwertzeit im Gehirn schon nach dem Klingeln überschritten hat und maximal nach der nächsten Klausur kaum noch abrufbar ist. Und wenn man da freitags nicht mitmacht, um sich für existentielle Zukunftsfragen einzusetzen, hat das nichts mit „herumschlendern“ zu tun.

Gerade in dieser Woche hatte sich der Deutschlandfunk mit einem Feature dem Thema „Die Digitalisierung der Ausbildung für die Arbeit 4.0“ gewidmet (Link zur Sendung und zum Podcast). Darin erklärt die Soziologin Britta Matthes die Herausforderungen des Bildungssystems in den Zeiten der Digitalisierung: „Das Bildungssystem in den Punkten jetzt so umzustellen, dass es auch für die Zukunft gewappnet ist, das glaube ich, ist die Aufgabe.“

Cord Buck, Ausbildungsleiter am Hamburger Airbus-Standort, ergänzt: „Ich glaube, wir müssen die Auszubildenden stärker und persönlich auf diese schnellen Veränderungsprozesse vorbereiten. Dass sie lernen, sich offen zu artikulieren, Sachen offen auszusprechen, selber Lernbedarfe auch erkennen, und sich auch selbst immer wieder Feedback einholen von den Kollegen.“

Und die Hamburger Berufsschule für medizinische Fachberufe geht noch ein Stück weiter: Nina Stelle, dort Lehrerin, hat „das Konzept des individualisierten Lernens an der Berufsschule mitentwickelt. Wo und wie sie lernen, entscheiden die Schüler dort weitgehend selbst. Wer will, kann sich während der Unterrichtszeit in ein Selbstlernzentrum zurückziehen oder Lernorte wie das Relief besuchen. Die Lehrer stehen auf Wunsch für Fragen bereit. Damit die Schüler wissen, was sie lernen müssen, bekommen sie alle paar Wochen eine neue Kompetenzliste ausgehändigt, auf der steht, was in der nächsten Prüfung abgefragt wird.“

Die Herausforderungen in der zukünftigen Arbeitswelt sind gigantisch und die heutige Schulform bereitet die jungen Menschen nicht auf diese Arbeitswelt vor. Mal abgesehen davon, dass nicht der Ort entscheidend sein wird, an dem gearbeitet wird, klingt der Tatbestand „Schwänzen“ altbacken, bieder und nicht zukunftsfähig.

Die Teilnehmer/innen des Klimastreiks haben nicht nur erkannt, dass das „Haus brennt“, in dem wir wohnen und sie erfahren, dass sich keiner der selbsternannten „Politprofis“ darum kümmert. Angesichts dieser bedrohten Zukunft sehen sie die Priorität ihres Lernen und Handelns in der Zurückgewinnung ihrer Zukunft. Sie schwänzen nicht, sondern sie lernen demokratische Willensbildung, Informationen über den Ursachen für den Klimawandel und die Möglichkeiten diese abzumildern oder gar zu stoppen. Sie lernen, dass sie nicht gehört werden, wenn sie nicht die Grenzen überschreiten und nutzen dabei selbstverständlich neue Vernetzungstechniken, so dass an einem Tag hundertausende Menschen in über 120 Staaten demonstrieren.

„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“, hieß mal. Diese jungen Menschen lernen freitags mehr für ihr Leben, als manchen Menschen lieb ist. Sie streiken, aber sie schwänzen nicht.

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